Mit freundlicher Genehmigung durch die TLZ (Thüringer Landeszeitung).
Erschienen am 18.08.2001 (Online-Version).

Tautenburg

Am Observatorium Tautenburg bei Jena macht man Jagd auf Planeten,
vor allem in jungen Sternentstehungsgebieten unserer Galaxie.
Fotos/Montage: P. Michaelis/A. Brömel

Die Planeten-Jäger von Tautenburg -
Wenn es Nacht wird im Observatorium

Von Wolfgang Hirsch

Es ist eine laue Sommernacht in Tautenburg. Während unten im Dorf die letzten Lichter verlöschen, herrscht im Observatorium oben am Berg schon geschäftiges Treiben. Artie Hatzes, der Direktor der Landessternwarte, rüstet gemeinsam mit seinem dreiköpfigen Team zur Planetenjagd. Eine gewöhnliche Nachtschicht steht bevor, Arbeit bis zur Morgendämmerung, falls das Wetter mitspielt.

Die Luft im gerade einmal küchengroßen Kontrollraum ist warm und etwas stickig, die herabgelassenen Jalousien verhindern, dass störendes Streulicht nach außen dringt. Eike Guenther tippt eine Zahlenkolonne in die Steuerkonsole ein, und für einen Moment zittern die Diagramme auf den drei Kontrollmonitoren, ein leises Grummen ist zu hören: Zwei Stockwerke höher bewegt sich die imposante 20-Meter-Kuppel mit ihrer Öffnung in die neue Position des Teleskops.

Als erstes Zielobjekt haben die Astronomen einen relativ jungen, massearmen Stern anvisiert, 46 Lichtjahre von der Erde entfernt, also rund 435 Billionen Kilometer weit draußen im All. "Für unsere Verhältnisse ist das nah", erklärt Professor Hatzes. Die Gretchenfrage heißt: Hat der Stern einen Trabanten oder nicht? Unter Astronomen auf der ganzen Welt herrscht bei der Suche nach solchen extrasolaren Planeten ein prestigeträchtiger Wettbewerb. Selbst durch die stärksten Fernrohre sieht man sie nicht besser als mit bloßem Auge eine Mücke im Gegenlicht.

"Wir haben rund 50 Favoritensterne, die wir uns jede Nacht anschauen", verrät Hatzes. Die Liste mit den Koordinaten hütet der Amerikaner wie eine seltene Formel. Aber das sind auch die einzigen Geheimnisse in der Thüringer Landessternwarte.

"Und der Direktor ist CIA-Agent"

Beim letzten "Tag der offenen Tür" mutmaßte ein Besucher, von Tautenburg aus unterhielten die Nachrichtendienste telepathischen Kontakt zu Außerirdischen, und Direktor Hatzes, der vor einem Jahr aus Austin/Texas kam, arbeite bestimmt für die CIA. - Schallendes Gelächter, als Hatzes die Story nochmal zum Besten gibt. Inzwischen fühlt er sich sehr wohl in Thüringen, nur sein Deutsch klingt noch etwas steif. Aber als Arbeitssprache im Kontrollraum dient ohnehin Englisch.

Ins schmale Blickfeld ihres 65 Tonnen schweren Teleskops, das mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks arbeitet, rücken die Forscher vorzugsweise Doppelsterne und einige, nur wenige Millionen Jahre junge Einzelsterne. Nach deren Planeten suchen sie auf einem Umweg, indem sie nicht diese selbst, sondern ihre indirekten Effekte nachweisen.

Sonnentanz verrät die Unsichtbaren

Eine Sonne, die einen Planeten besitzt, vollführt nämlich eine eiernde Bewegung, weil das System um den gemeinsamen Schwerpunkt, nicht um den der Sonne allein kreist. Diesen "Sonnentanz" wollen die Forscher noch über große Distanzen mittels spektroskopischer Analysen und Berechnungen präzise nachweisen. "Wir könnten sogar einen Jogger in 900000 Kilometern Entfernung entdecken", schmunzelt Eike Guenther. "Der Mann im Mond wäre, wenn es ihn gäbe, schon längst entlarvt."

Durch eine komplizierte Optik wird der einfallende Lichtstrahl vom Teleskop auf die briefmarkengroße Oberfläche einer Spezial-CCD-Kamera gelenkt. Dieses Mosaik aus 4,2 Millionen einzelnen Bildpunkten schlüsselt das Licht über die gesamte Regenbogenbandbreite genau auf. Weil dunkle Streifen im Sonnenspektrum, die so genannten Fraunhoferschen Linien, ihren unveränderlichen Platz haben, wird im Vergleich mehrerer Teleskopaufnahmen eines Sterns seine Bewegung als spektrale Frequenzverschiebung sichtbar.

Das beruht auf dem Dopplereffekt, den wir im Alltag ja zum Beispiel auch bei der Tonhöhenverschiebung eines vorbeifahrenden Rettungswagens akustisch wahrnehmen. Allerdings benötigen die Astronomen für diesen Nachweis eine Unmenge von Aufnahmen und die Rechenkünste eines Computers, weil uns Menschen alle Veränderungen im All so langsam erscheinen: Je länger die Umlaufbahn eines Trabanten, desto gemächlicher "tanzt" die umkreiste Sonne und desto langwieriger ist die Suche.

Hatzes: "Das dauert Monate, manchmal Jahre, bis wir die Existenz eines Planeten sicher ausschließen können - oder die Sektflaschen aufmachen." Genau 63 solcher Himmelskörper sind weltweit in den letzten Jahren entdeckt worden, drei gehen auf das Konto von Hatzes. Allerdings hat er sie noch vom McDonald-Observatory zu Hause in Texas aus ausgespäht, den ersten Tautenburger Erfolg erhofft er sich noch für dieses Jahr.

Aufschlüsse über die Entstehung unseres Sonnensystems

Sinn macht das ganze Unterfangen deshalb, weil es Aufschlüsse über die Entstehung unseres Sonnensystems und der Erde verspricht. Eng arbeitet die Sternwarte dabei mit den Kollegen der benachbarten Uni Jena, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und einem Netzwerk befreundeter Institute zusammen. Mit dem Blick ins All betrachten sie zugleich die ferne Vergangenheit und Zukunft unserer Milchstraße und des "blauen Planeten", der Erde. Denn grundsätzlich nimmt man an, dass im Weltall die Geburt und der Untergang von Himmelskörpern immer nach dem gleichen Prinzip vor sich gehen.

"Manche Nächte empfinden wir als ganz schön dröge und langweilig", gesteht Artie Hatzes. "Aber die Planetenjagd ist für uns trotzdem das Aufregendste, was wir uns vorstellen können.". Über Hollywood-Streifen wie "Star Trek" oder "Mission to Mars" können die Männer nur milde lächeln. Am meisten Anklang findet noch Stanley Kubricks Filmklassiker "2001 - a Space Odyssey". "Der zeigt das All so, wie es ist", meint Hatzes, "leer und sehr einsam". Leben kann es auf fernen Sonnen kaum geben - wenn, dann nur auf deren Planeten.

Das Bild der Kontrollkamera auf dem Monitor wird jetzt immer öfter unscharf. Offenbar ziehen draußen Wolken auf. Mit ein paar Mausklicks ist die aktuelle Wetterkarte aus dem Internet auf den Bildschirm gezaubert. "Das sieht schlecht aus", fürchtet Teamchef Hatzes. Ein Blick auf die Uhr: erst halb eins. Vielleicht wird es doch nur eine kurze Nacht für die vier Männer, denn bei Regen müssen sie die Kuppel sofort schließen. Wasser würde der Optik des Teleskops schaden.

Experten loben die 40 Jahre alte Zeiss-Technik

"So etwas wie unseren Zwei-Meter-Spiegel findet man weit und breit nicht", schwärmt Uwe Laux, der für die Technik zuständige "Night Assistent". Die 2,4 Tonnen schwere Sitall-Glaskeramik liefert stets verzeichnungsfreie Bilder, weil sie sich selbst bei starken Temperaturschwankungen um keinen Millimeter verformt. Das Material hat inzwischen übrigens auch in die moderne Küche Einzug gehalten, als Ceranfeld auf dem Herd. Aber in dem 40 Jahre alten Zeiss-Gerät steckt das technologische Know-how aus einer Zeit, als es Computer-Simulationen noch nicht gab.

Konzentriert arbeiten die Männer weiter und richten das zehn Meter lange Rohr ihres Teleskops auf das nächste Zielobjekt aus. Angesichts der Wetterlage herrscht angespannte Ruhe, sogar die E-Mail-Verbindungen zu den Kollegen im spanischen Calar Alto und La Silla in Chile schweigen. Langsam macht sich Müdigkeit breit.

David Mkrtichian unterdrückt ein Gähnen und verschränkt die Arme vor der Brust. Der 45-jährige Ukrainer von der Nationaluniversität Odessa ist nur für zwei Wochen als Gast im Team. Später will er länger bleiben und in Tautenburg seine Arbeiten über die Pulsfrequenz ferner Sterne fortsetzen. Diese Pulsschwankungen sind so typisch wie ein Fingerabdruck. Übersetzt man sie in akustische Signale, entsteht sogar so etwas wie Sphärenmusik. Dennoch: Mit Esoterik haben die Forscher nichts im Sinn, sie lesen nicht einmal zum Spaß ihre Horoskope.

Draußen vor dem Observatorium hat inzwischen eine leichte Brise eingesetzt, der Vollmond verschwindet hinter einer Wolkenbank. Eine rot-braune Hauskatze streicht Artie Hatzes schnurrend um die Beine. Er krault ihr den Nacken und schaut in den dunklen Nachthimmel. Nein, meint er, die kleinen grünen Männchen existieren wohl nur in der Fantasie. Und lacht herzhaft: "Leute wie uns gibt es nicht nochmal." Im ganzen Universum.