Thüringer Landessternwarte Tautenburg
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Pressemitteilung vom 3.4.2006


Bundesverdienstkreuz für Tautenburger Planetoidenjäger Dr. Freimut Börngen

Dr. Freimut Börngen Der langjährige Mitarbeiter der Thüringer Landessternwarte Tautenburg, Dr. Freimut Börngen, wird am 6. April 2006 das Bundesverdienstkreuz am Bande aus den Händen des Thüringer Kultusminister, Prof. Dr. Jens Goebel, entgegen nehmen. Mit dieser hohen Auszeichnung wird ein Lebenswerk gewürdigt, das der Kulturlandschaft Deutschlands, und insbesondere auch Thüringens, im reinsten Wortsinne ein bemerkenswertes astronomisches Denkmal setzt.

Freimut Börngen war von 1962 bis 1995 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Tautenburger Observatorium tätig. Dem Forschungsprofil der Einrichtung entsprechend war seine Arbeit zunächst vor allem auf Beobachtungen ferner Galaxien konzentriert. Aber schon bald fand er heraus, dass das große Tautenburger Schmidt-Teleskop auch hervorragend geeignet ist, um die Landkarte unserer unmittelbaren kosmischen Umgebung entscheidend zu verbessern. Heute zählt der 75-Jährige zu den weltweit erfolgreichsten Entdeckern von Kleinplaneten, so genannten Planetoiden, in unserem Sonnensystem.
Planetoiden sind fliegende Berge, Felsen oder Steine im Raum zwischen den großen Planeten. Für die Forschung sind sie vor allem deshalb interessant, weil sie zu den ältesten Objekten im Sonnensystem gehören und wichtige Erkenntnisse über dessen Entstehung liefern. Darüber hinaus ist in den letzten Jahren das pragmatische Interesse an den so genannten Erdbahnkreuzern deutlich gewachsen. Denn diejenigen Planetoiden, deren Bahnen die Erdbahn kreuzen, können durchaus zu einer Gefahr werden, und zwar nicht nur für Raumfahrtmissionen sondern auch für die ganze Erde.

Mit seiner Arbeit hat der Tautenburger Astronom einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Datenbasis zu den Kleinkörpern im Sonnensystem geliefert. Im Zeitraum von 1981 bis 1992 gehörte das Observatorium Tautenburg in Hinblick auf die Entdeckung neuer Kleinplaneten zu den acht aktivsten Sternwarten der Welt, zeitweilig lag Tautenburg sogar an vierter Stelle. Die Jagd nach unentdeckten Planetoiden wurde in den 90er Jahren zu Dr. Börngens Hauptarbeitsgebiet, die Beendigung des aktiven Berufslebens mit Erreichen des 65. Lebensjahrs bedeutete hierbei keineswegs einen Abbruch seines Engagements. An zahlreichen Entdeckungen aus den Jahren 1990 bis 1993 war auch Dr. Lutz D. Schmadel vom Astronomischen Rechen-Institut in Heidelberg beteiligt. Bis heute hat die internationale Koordinationsstelle, das Minor Planet Center in Cambridge, USA, mehr als 500 Planetoidenentdeckungen dank des Einsatzes von Freimut Börngen anerkannt. Da diese sämtlich mit dem Tautenburger Teleskop aufgefunden wurden, spricht man in der Fachszene von den "Tautenburger Planetoiden".

Dem Erstentdecker wird vom Minor Planet Center das Recht eingeräumt, für "seinen" Kleinplaneten einen Namen vorzuschlagen. Freimut Börngen kann gewissermaßen als ein Großmeister der "astronomischen Taufe" gelten. Und das nicht nur wegen der großen Anzahl - bisher durfte er für mehr als 400 Planetoiden Namen aussuchen - sondern auch wegen der systematischen Weise, mit der er von seinem Recht der Namensvergabe Gebrauch gemacht hat, um Persönlichkeiten aus Geschichte und Gegenwart sowie geografische Orte am Himmel zu verewigen. Im Ergebnis entstand am Planetoidenhimmel so etwas wie ein Spiegelbild der mitteleuropäischen Kulturlandschaft, natürlich stark subjektiv geprägt durch das Interessenspektrum des Namensgebers: Naturwissenschaftler, Mediziner, Pädagogen, Theologen, Musiker, Maler, Architekten, Schriftsteller und Philosophen. Zu den derart Geehrten gehören auch aktive Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Diktatur und Persönlichkeiten, die von den Nazis verfolgt und geächtet wurden. Aber auch Orte, Städte und Landschaften.

Ich bin immer ein großer Freund des Alpenraums, der Berge, gewesen. Dies spiegelt sich in zahlreichen Bayern-, Österreich-, Schweiz- und Norditalien- Planetoiden wieder. Aber es ist klar, dass ich immer wieder Mitteldeutschland, speziell Thüringen geehrt habe", bekennt Börngen. Als Beispiele seien Planetoidennamen wie Tautenburg, Weimar, Dornburg, Eisenach, Arnstadt, Saale, Unstrut und Rennsteig genannt.

Ein großer Teil der vergebenen Namen nimmt Bezug auf Persönlichkeiten, deren Wirken mit dem Großraum Jena - Weimar, der Wahlheimat des jetzt in Isserstedt lebenden Freimut Börngen verbunden ist. Zu den 62 Jena- und Weimar-Planetoiden gehören solche mit Namen wie Ernst Abbe, Alfred Brehm, Bauhaus, Lukas Cranach, Lyonell Feininger, Walter Gropius, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Johann Gottfried Herder, Alfred Jensch (als Chefkonstrukteur bei Carl Zeiss Jena Schöpfer des Tautenburger 2-m-Teleskops), Paul Klee, Hermann Lambrecht (Professor für Astronomie in Jena und "Vater der Jenaer Astronomenschule"), Max Reger, Otto Schott, Henry van der Velde und Erhard Weigel. (Die vollständige Namensliste kann im Internet eingesehen werden unter http://people.freenet.de/boerngen/listd.html)
Entdeckeraufnahme des Kleinplaneten Tautenburg Der erste von Freimut Börngen benannte Kleinplanet trägt den Namen (2424) Tautenburg. Das Bild zeigt einen kleinen Ausschnitt der 1973 mit dem Tautenburger Schmidt-Teleskop aufgenommenen Fotoplatte, auf der der Planetoid entdeckt wurde. Während der Belichtung hat sich der Kleinplanet deutlich auf seiner Bahn bewegt und deshalb auf der Platte eine Strichspur hinterlassen (links oben).

Ob das Prinzip der Benennung von Kleinplaneten durch den Erstentdecker auch in Zukunft in ähnlicher Weise wie bisher gehandhabt wird, steht in den Sternen. Tatsächlich ist in der zuständigen Kommission 20 der Internationalen Astronomischen Union (IAU) zur Zeit eine heftige Diskussion darüber im Gange. Freimut Börngen hat es immer als Faszination und großes Glück empfunden, namhaften Persönlichkeiten, deren Werk und Wirken er schätzte, mit seinen Entdeckungen ein Denkmal setzen zu dürfen.


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Kontakt:
Dr. Helmut Meusinger
Thüringer Landessternwarte Tautenburg
Sternwarte 5, 07778 Tautenburg
Tel.: 036427/863 62
E-Mail: meus@tls-tautenburg.de
www.tls-tautenburg.de