Alfred Jensch +

ALFRED JENSCH
Diese Aufnahme enstand 1985, als Alfred Jensch die Unterlagen zur Bennenung des Kleinplaneten "Jensch" überreicht bekam (Foto: Högner).

Am 6. Oktober 2001 ist Alfred Jensch gestorben, langjähriger Chefkonstrukteur der Astroabteilung des Jenaer Zeisswerks. Das Gerätesortiment der DDR- Zeit ist durch ihn entscheidend geprägt worden. Besonders sind zu erwähnen:

* Das 1960 fertiggestellte 2-Meter- Universalspiegelteleskop in Tautenburg bei Jena, noch heute das größte Teleskop

TAUTENBURG
2-m-Teleskop Tautenburg (Foto: Rucks)

auf deutschem Boden; in seiner Eigenschaft als Schmidt-Teleskop sogar das weltgrößte Exemplar. Jensch hatte es ab 1949 konzipiert und eine Anzahl wegweisender und z.T. noch heute vorbildlicher Lösungen realisieren können, z.B. bei der Lagerung des 2,4 to schweren Hauptspiegels, bei der Kompensation von Biegungs-, Temperatur- und Getriebefehlereinflüssen.

* Der nach ihm benannte Coelostat für die Erzeugung eines stillstehenden Bildes des bewegten Himmels bedeutete eine erhebliche Verbesserung gegenüber bisherigen derartigen Geräten. Bis dahin
war zur Vermeidung gegenseitiger Abschattung der Planspiegel nach jeweils wenigen Stunden Beobachtungszeit eine manuelle Neueinstellung an bis zu 6 Einstelleinrichtungen erforderlich. Jenschs Coelostat benötigte demgenüber nur die Einstellung der bei astronomischen Geräten üblichen zwei Achsen und schloß

COELOSTAT 300-mm-Jensch-Coelostat (Werksfoto Zeiss Jena)

gegenseitige Abschattung per Arbeitsprinzip aus.

* 2-m-Spiegelteleskope für Aserbeidshan, für Tschechien, Bulgarien und die Ukraine. Es sind, wie schon das Tautenburger Gerät, hochkomplexe Anlagen mit anspruchsvoller Optik, Mechanik, elektrischer und hydraulischer Steuerungs- und Antriebstechnik, auch für die Beobachtungsbühnen und die Kuppel. Sie sind ausgerüstet mit verschiedenen Photometern und Spektrographen unterschiedlicher Größe bis zu den saalfüllenden Coudé-Spektrographen. Bedeutende Neuerung war die nach Jensch benannte sog. "Stützmontierung". Im Prinzip ist damit das Teleskop um eine ölhydraulisch gelagerte Kugelschicht herum gebaut. So werden die Massenkräfte von den 80 Tonnen bewegter Teile auf dem

STUETZMONTIERUNG
2-m-Teleskop Ondrejov mit Stützmontierung (Foto: Rucks)

kürzesten Wege in das Fundament geleitet. Ferner wird die Erreichbarkeit des gesamten Himmels und die Zugänglichkeit aller Bedienstellen am über 9 Meter langen Tubus mit Hilfe zweier Beobachtungsbühnen kompromißlos ermöglicht. Im Gegensatz zur Gabelmontierung sind nur zwei Umlenkspiegel für den Coudé- Strahlengang erforderlich, und das Achssystem ließ sich vergleichsweise sehr steif und fehlerarm aufbauen. Zahlreiche weitere Schöpfungen zu nennen ist hier leider nicht der Raum. Alfred Jensch ist am 19. Juni 1912 in Hirschberg in Schlesien geboren. Von 1933 bis 1938 hat er an der Sternwarte Sonneberg in Thüringen als Beobachter gearbeitet und eine Anzahl veränderlicher Sterne entdeckt. Von 1938 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1977 war er bei Zeiss tätig, unterbrochen zwischen 1942 und 1948 durch Kriegsdienst und Gefangenschaft. Er hatte das Glück, hauptsächlich in einer vom Aufbauwillen geprägten Zeit wirken zu können, im Kreise eines großen, hochqualifizierten und begeisterungsfähigen Mitarbeiterstamms, den er mit natürlicher Autorität anzuleiten verstand. Seine Entwicklungen waren aggraviert durch die parallele stürmische Entwicklung der Informations- und Steuerungstechnik. Vom jeweils neuesten Stand in Analogrechentechnik, Digitalsteuerungstechnik bis schließlich zur PC-Technik hat er sich mit allen Wegen und Irrwegen auseinandersetzen müssen, oft innerhalb eines Projekts zum aktuellen Optimum wechselnd. Seine Leistungen sind bereits zu seinen Lebzeiten mehrfach gewürdigt worden: Er hat hohe Orden der DDR und der tschechischen Akademie erhalten, das Tautenburger Teleskop wurde anläßlich seines 80. Geburtstag "Alfred-Jensch- Teleskop" benannt, und der kleine Planet 3245 erhielt von seinen Entdeckern den Namen "Jensch". Man mag deswegen an Schopenhauers Satz denken: "Einem bei Lebzeiten ein Monument setzen, heißt die Erklärung ablegen, daß hinsichtlich seiner der Nachwelt nicht zu trauen sei." Wir, seine am Grabe vollständig versammelten noch lebenden Mitarbeiter und Kollegen, waren uns indessen einig in der dauerhaften dankbaren Erinnerung an unseren phantasiereichen, liebenswürdigen und bescheidenen Altvorderen, der sich nie auf Kosten anderer vorgedrängt hat, und dem politischer Opportunismus ganz abging.

Manfred Steinbach, Bochum