Wie ich meinem Freund Alfred Jensch zu seinem 80. Geburtstag zu einer besonderen Ehrung verhalf.....

Von Dipl.-Astr. Hans G. Beck <astrobeck.jena@t-online.de>

Mit einer Anmerkung von Alfred Jensch vom 15.02.2001

Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, dass ich meinem Mitarbeiter Alfred Jensch sehr viel verdanke und er behauptet, es wäre umgekehrt genauso. Sei es wie es wolle, als sich sein 80. Geburtstag näherte, überlegte ich mir, auf welche Weise seine Verdienste um die Astroabteilung von Carl Zeiss Jena gewürdigt werden könnten. Es sollte etwas Bleibendes sein, das für lange Zeit an ihn und seine erfolgreiche Tätigkeit als Chefkonstrukteur erinnern wird. Ich nahm daher Kontakt mit dem damaligen Leiter der Thüringer Landessternwarte Tautenburg, Prof. S. Marx, auf. Mein Vorschlag war, das Tautenburger Teleskop nach seinem Schöpfer "Alfred-Jensch-Teleskop" zu nennen. Marx stimmte dem Vorschlag begeistert zu und sorgte für die Genehmigung durch das Thüringer Wissenschaftsministerium in Erfurt.


Und so kündigte ich das kommende Ereignis bei dem Geschäftsbereich Astro an:

Mitteilung

Alfred-Jensch-Teleskop

            Jena, den 15.5.1992

Alfred Jensch wird am 19.6.1992 seinen 80. Geburtstag begehen können. Aus diesem Anlass soll am 16.6.92 um 15.00 Uhr in Tautenburg eine Ehrung stattfinden, um deren Vorbereitung ich mich bemüht habe. Es hat dazu Vorgespräche mit Prof. Marx und Prof. Pfau gegeben, die dieses Vorhaben begrüßten. Außerdem habe ich Herrn Gutcke und Herrn Teske informiert.

Ursprünglich war ein Ehren-Kolloquium geplant, bei dem Prof. Marx über die Leistungen des Tautenburger Teleskops berichten wollte. Seitens des GB Astro sollte ein Beitrag über die Entwicklungen "nach Jensch" folgen und schließlich sollte namens der Urania-Volkssternwarte eine persönliche Würdigung des Werdegangs von Alfred Jensch die Veranstaltung abschließen. Das Vorhaben wurde mit Frau Schenke, der Tochter von Herrn Jensch, zeitlich abgestimmt.

Inzwischen hat es aber persönliche Probleme für Herrn Jensch gegeben, weil seine Frau schwer erkrankt ist. In einem Brief an ihn hatte ich um seine Zustimmung gebeten und erhielt eine Absage. So sehr wie man die Gründe für die Absage anerkennen muss, so wenig sollte uns das hindern eine Ehrung vorzunehmen. Ich habe daher vorsorglich noch eine andere Variante mit Prof. Marx besprochen, nämlich das 2-m-Teleskop Tautenburg nach seinem geistigen Urheber "Alfred-Jensch-Teleskop" zu nennen. Prof. Marx und die Mitarbeiter des Karl-Schwarzschild-Observatoriums haben diesen Vorschlag begrüßt und es liegt eine mündliche Zustimmung seitens der Verantwortlichen für diese Namensnennung vor.

Es wurden Schritte eingeleitet, eine entsprechende Tafel anzufertigen, auf der der Name "Alfred-Jensch-Teleskop" in großen Lettern verewigt wird. Zusätzlich soll noch eine kleinere Tafel erläutern: Alfred Jensch entwarf 1949 das 2-m-Universal-Spiegelteleskop, das in der Astro-Abteilung von Carl Zeiss Jena in den Jahren 1950 - 1960 konstruiert und gebaut wurde. Als Chefkonstrukteur für Astrogeräte hat Alfred Jensch die Astrotechnik in Jena entscheidend geprägt und ihr zu internationalem Ansehen verholfen.

Ich würde mich freuen, wenn der GB Astro das Vorhaben in geeigneter Form unterstützen und der Geschäftsleitung zur Kenntnis geben würde.

     Hans G. Beck


Über das Ereignis selbst berichtete ich in einem Beitrag in der Zeitschrift "Die Sterne" (Die Sterne 68, 211 (1992)):

A l f r e d - J e n s c h - T e l e s k o p

Am 16. Juni 1992 fand in der Sternwartenkuppel der Landes-Sternwarte Thüringen / Karl-Schwarzschild-Observatorium Tautenburg eine schlichte Feierstunde statt, in der dem 2-m-Universal-Spiegelteleskop der Name "Alfred-Jensch-Teleskop" gegeben wurde. Aus Anlass seines 80. Geburtstages wurde so der Astro-Ingenieur Alfred Jensch geehrt, der über 30 Jahre als führender Konstrukteur in der Entwicklungsabteilung für Astronomische Geräte bei Carl Zeiss Jena tätig war. Seine Ideen und Konstruktionen schufen die Grundlagen für den Bau einer Generation von modernen Astro-Beobachtungsgeräten, deren Ursprung in der Konzeption des nach ihm benannten Teleskops liegt.

Wer ist Alfred Jensch ? Ein Astronom, als Entdecker des RR-Lyrae-Sterns CY Aquarii mit der kürzesten Periode ? Ein Konstrukteur eines nach ihm benannten Sonnenbeobachtungsgeräts, dem Jensch-Coelostaten ? So hätte man vor 35 Jahren fragen können. Heute bedarf es keiner Frage mehr. Er ist einer der bekanntesten Konstrukteure des Zeisswerkes, der in einer entscheidenden Phase der Entwicklung in Jena mit der Konzeption des 2-m-Universal-Spiegelteleskops eine Meisterleistung vollbrachte.

In der Geschichte des Zeisswerkes sind die Wissenschaftler bekannter als die Konstrukteure, ein Tatbestand, den man auch in vielen anderen Industriebetrieben findet. Es scheint fast so, als ob die Konstrukteure das gleiche Los teilen wie die von Brecht zitierten Erbauer des siebentorigen Thebens. Das mag mit seine Ursache darin haben, dass in vielen Fällen die Konstruktionswissenschaft erst dann in Anspruch genommen wurde, wenn die Wünsche des Wissenschaftlers vom Instrumentenbauer nicht mehr mit herkömmlichen Mitteln realisiert werden konnten. In der Geschichte des astronomischen Instrumentenbaus des vergangenen Jahrhunderts ist das klar erkennbar, als die Forderungen an die Größe und die Genauigkeit der Beobachtungsgeräte eine konstruktive Durchdringung der technischen Aufgabe erforderten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der erste ausgebildete Ingenieur des Zeisswerkes, Franz Meyer, in der 1897 gegründeten Astrogeräteabteilung eingesetzt wurde und dort lange Zeit bis 1933 schöpferisch tätig war. Im selben Atemzug mit dem legendären Franz Meyer können wir nun Alfred Jensch nennen, der ein weiteres bedeutendes Kapitel der Geschichte der Astroabteilung des Zeisswerkes in entscheidendem Maße mitgestaltet hat.

Die Jugendzeit des Amateurastronomen

Von Alfred Jensch kann man sagen, dass er bereits in seiner Jugendzeit für seine künftige Entwicklung geprägt wurde. Die väterliche Elektromechanikerwerkstatt bot dem Schüler die Gelegenheit, fast spielerisch praktische Kenntnisse der Elektrotechnik und Mechanik zu erwerben und sie beim Bau einer kleinen Amateur-Sternwarte anzuwenden. Der Vater war vielseitig tätig, er war ein Tüftler, ein Erfinder. Der Sohn war Helfer, Beobachter, Mitdenker. Es wäre folgerichtig gewesen, wenn Alfred Jensch sich angeschickt hätte, die Nachfolge seines Vaters anzutreten. Aber es kam anders. Aus dem Steckenpferd, heute Hobby genannt, der Amateurastronomie, sollte ein Beruf werden.

Er wurde mit Cuno Hoffmeister bekannt, der ebenfalls als Amateurastronom begonnen und inzwischen eine eigene Sternwarte in Sonneberg aufgebaut hatte. Am 1.5.1933 begann er dort als Praktikant in der Hoffnung, später eine Assistentenstelle übernehmen zu können.

Das Hauptarbeitsgebiet von Cuno Hoffmeister war die Erforschung der veränderlichen Sterne. Auch Alfred Jensch entwickelte sich rasch zu einem befähigten Beobachter, seine Arbeitsergebnisse wurden in den "Astronomischen Nachrichten" veröffentlicht. Am bekanntesten wurde er durch die schon erwähnte Entdeckung des rasch veränderlichen Sternes CY Aquarii, der die bis dahin kürzeste Periode des Lichtwechsels besaß.

Die Anfänge als Konstrukteur astronomischer Geräte

Die Sternwarte Sonneberg war nicht mit großen Glücksgütern gesegnet, so dass ihre technische Einrichtung von den Mitarbeitern der Sternwarte selbst geschaffen werden musste. Hier konnte Alfred Jensch die Forderungen der astronomischen Forschung mit seinen praktischen Kenntnissen und Fähigkeiten schöpferisch verbinden und selbst gründlich das Ergebnis prüfen. So wurde ein weiterer Grundstein seiner späteren erfolgreichen Tätigkeit gelegt. Es entstanden eine Reihe von Beobachtungs- und Messgeräten, wie z.B. ein lichtelektrisches Plattenphotometer, ein Photometer für schwache Flächenhelligkeiten, ein Spektrograph für die Beobachtung des Nachthimmelsleuchtens, ein Stereokomparator für große Plattenformate, ein Fernrohr-Synchronantrieb und mehrere elektrische Feinbewegungen. Aber sein Wunsch, eine festere Bindung zur Astronomie zu finden, ging in Sonneberg nicht in Erfüllung. Trotz der Bemühungen von Cuno Hoffmeister und auch von Prof. Guthnick, dem Direktor der Babelsberger Sternwarte, gelang es ihm nicht, auch nach mehrjähriger erfolgreicher Tätigkeit, eine feste Anstellung oder ein Studien-Stipendium zu erhalten.

Auf dem Wege zum Astro-Konstrukteur bei Zeiss

Die besten Möglichkeiten für eine berufliche Weiterentwicklung sah Alfred Jensch in Jena, in einem Werkstudium bei Carl Zeiss Jena. Er begann am 1. April 1938 eine neue Tätigkeit als Konstrukteur für astronomische Geräte im Konstruktionsbüro Büchele. Es mag verwundern, dass ein Autodidakt ohne formelle Ingenieurausbildung auf einem schwierigen Arbeitsgebiet wie dem astronomischen Gerätebau als Konstrukteur eingesetzt werden konnte. Das war aber durchaus üblich. Leute aus der Praxis, erfahrene Mechaniker, wurden in die Konstruktionsabteilung übernommen, die bereits die besonderen technologischen Erfahrungen mitbrachten. Gleichzeitig nahm Alfred Jensch ein Physikstudium als Gasthörer an der Jenaer Universität auf, aber der 2. Weltkrieg zerstörte den Studiengang. Er wurde 1942 einberufen und tat in einer Vermessungsabteilung Dienst, die u.a. mit Zeiss-Vermessungsgeräten ausgerüstet war, die er selbst konstruiert hatte. Erst nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft kehrte er nach Jena zurück und nahm 1948 seine Tätigkeit im Konstruktionsbüro für astronomische Geräte wieder auf. Dort war man voll beschäftigt mit den Reparationslieferungen, z.B. dem Bau des 650-mm-Refraktors, der dann nach Pulkowo kam. Aber auch die Rekonstruktion bewährter Vorkriegsgeräte war in Gang gekommen, denn es gab einen großen Nachholbedarf im In- und Ausland.

Die Stichworte der damaligen Zeit waren: Wiederaufbau zerstörter Fertigungsstätten und Fortschritt in Wissenschaft und Technik. Die Astrotechnik in Jena hatte einen guten Ruf und so fand eine Initiative des Direktors des Astrophysikalischen Instituts Potsdam, Prof. Kienle, günstige Aufnahme bei den Verantwortlichen der Akademie der Wissenschaften und den Wirtschaftsgremien. Er griff einen langgehegten Wunsch der deutschen Astronomen nach einem leistungsfähigen Teleskop wieder auf, mit dem an die großen Traditionen des Potsdamer Astrophysikalischen Instituts vor dem ersten Weltkrieg angeknüpft werden sollte. Das Ziel war ein 2-m-Spiegelteleskop, zu dem bereits um 1938 Pläne erarbeitet worden waren, für eine Sternwarte im ehemaligen Deutsch-Südwest-Afrika.

Kienle nahm mit der Astroabteilung des Zeisswerkes Kontakt auf, um seine geplante Denkschrift an die Akademie der Wissenschaften durch entsprechende Entwürfe zu untermauern. Alfred Jensch wurde diese Arbeit übertragen und er stand vor einer schwierigen Aufgabe. Die führenden Konstrukteure der Astrogeräteentwicklung von Zeiss waren entweder mit den Amerikanern nach Westdeutschland gegangen oder in die Sowjetunion dienstverpflichtet worden. Die Vorbilder für ein großes Teleskop waren der 2.5-m-Mt.Wilson- und der 2.08-m-McDonald-Spiegel in den USA. Von dem im Bau befindlichen 5-m-Spiegel waren zwar neuartige Konstruktionsprinzipien bekannt, aber ihre Bewährung stand noch aus. Für die Aufgabenstellung des Teleskops hatte es Prof. Kienle ähnlich schwer. Welche Entwicklung würde die astronomische Forschung in den nächsten Jahrzehnten nehmen, welche Grundkonzeption sollte das Teleskop haben? Gab es früher einen Wettstreit zwischen Refraktor und Reflektor, so war es nun notwendig, sich zwischen dem Schmidtspiegelteleskop und dem klassischen Spiegelteleskop zu entscheiden. Für die Erforschung unseres Milchstraßensystems brauchte man ein Teleskop mit großem Bildfeld, mit dem die für die Stellarstatistik erforderlichen großen Mengen an Sternen rationell zu beobachten waren. Andererseits entwickelte sich die photometrische und spektroskopische Untersuchung von Einzelobjekten immer mehr. Zum 5-m-Spiegelteleskop gehörte deshalb ein großes Schmidt-Teleskop, der sogenannte Big Schmidt.

Prof. Kienle sah keine Chance, in gleicher Weise ein Teleskop-Paar zu schaffen. Es konnte nur ein Teleskop werden und am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn man mit einer Grobkonzeption begonnen hätte, die während des Baus an die aktuellen Erfordernisse angepasst wird. Für einen verantwortungsbewussten Konstrukteur ist eine unklare Aufgabenstellung aber ein Greuel. Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma war eine sowohl-als-auch-Lösung anstelle des entweder-oder. Eine derartige Aufgabe konnte einen Konstrukteur wie Alfred Jensch schon reizen. Zugleich lag natürlich eine große Gefahr in einer solchen Konzeption. Viele Kombinations-Konstruktionen, so besagte eine weit verbreitete Meinung, brachten es nur zu einer mittelmäßigen Leistung. Die hohen Anforderungen zweier Spezialkonstruktionen würden in der Kombination Kompromisse erfordern, die zu Lasten der Qualität oder der Effektivität gehen würden.

Die Konzeption des Universal-Spiegelteleskops

Mit großer Kühnheit schuf Alfred Jensch den Entwurf und die wissenschaftliche Fundierung für das 2-m-Teleskop, das sich dann im Karl-Schwarzschild-Observatorium in Tautenburg erfolgreich in die internationalen Forschungsprogramme einreihte. Das Teleskop und die gesamte Sternwartenanlage ist ein Musterbeispiel für eine wissenschaftlich fundierte Konstruktion. Hier zeigte Alfred Jensch zum ersten Male umfassend seinen Arbeitsstil, durch sorgfältig ausgewählte und ausgearbeitete, mathematisch und physikalisch untermauerte Konstruktionsprinzipien den Erfolg der Konstruktion schon vor dem Bau zu sichern. Die Fertigkeiten des Mechanikers mit den sprichwörtlichen goldenen Händen sollten nicht dazu missbraucht werden, Mängel der Konzeption oder der Konstruktion auszugleichen. Hierbei kam Alfred Jensch selbstverständlich seine astronomische Beobachtungspraxis zugute. Er wusste genau, welche Forderungen und Wünsche der Astronom haben würde und wodurch ihm die Arbeit erleichtert werden konnte. Daher war klar, dass der Umbau von der einen zu einer anderen Variante nicht nur bequem vor sich gehen musste, sondern auch rasch und möglichst ohne Beeinträchtigung der Justierqualität bzw. ohne lange Nachjustierung. Hier ergaben sich die ersten größeren Schwierigkeiten, denn das Optiksystem mit dem sphärischen Hauptspiegel war in der Cassegrain- und Coudé-Variante wesentlich justierempfindlicher als ein klassisches System mit einem Parabolspiegel als Hauptspiegel. Durch das Schmidt-System wiederum war die Tubuslänge bestimmt. Übrigens hatte Bernhard Schmidt auch solche Quasi-Cassegrain-Systeme mit sphärischem Hauptspiegel hergestellt.

Alfred Jensch wählte für den Tubus einen quadratischen Querschnitt. Das hatte verschiedene Vorteile, verlangte aber auch höheren Aufwand in der mechanischen Fertigung. Durch das Schmidt-System war ein geschlossener Rohrkörper zwingend, an den hinsichtlich der Biegung und der Verwindung hohe Ansprüche zu stellen waren. Im Schmidt-Fokus von 4000 mm Brennweite durfte sich der Bildpunkt während einer ein- bis zweistündigen Aufnahme um weniger als 0.1 Bogensekunde, also um weniger als 2 Mikrometer verlagern. Das war vom absoluten Betrage her überhaupt nicht möglich, sondern nur durch das Zusammenwirken einer geeigneten, versteiften Schweißkonstruktion mit entsprechenden Kompensationseinrichtungen. In den Ecken des quadratischen Rohrkörpers waren die Nachführoptiken eingebaut, die ohne gesonderte Rohrkörper in dem Teleskop so integriert waren, dass die differentielle Biegung zwischen Haupt- und Nachführungsoptik eliminiert werden konnte. Es war in gleichem Maße erforderlich, die Fokuslage über längere Zeit stabil zu halten, wozu eine Temperaturkompensation entwickelt und gebaut wurde.

Die umfangreichen theoretischen Untersuchungen füllten mehrere Bände von Forschungsberichten, die nach Aufgabenstellungen von Alfred Jensch von befähigten Mathematikern im Entwicklungsbüro für theoretische Probleme erarbeitet und zum Teil durch Experimente erhärtet wurden. Heute ist eine solche Methodik eine Selbstverständlichkeit, eine mathematisch gestützte Konstruktion war aber damals eine Seltenheit. In vielen Fällen wurden die Theoretiker erst gefordert, wenn es Schwierigkeiten in der Praxis gab. Ein Problem war z.B. das Temperaturverhalten des Spiegels. In den USA hatte man für den 5-m-Spiegel neue Glassorten entwickelt, Borsilikate mit niedrigem thermischen Ausdehungskoeffizienten, das Pyrex-Glas der Firma Corning. Ein ähnliches Glas, Tempax, war 1938 für das deutsche 2-m-Teleskop von Schott in Jena vorgeschlagen worden. Die Problematik dieses Materials bestand darin, dass es eine relativ hohe Schmelztemperatur hat.

Die nach dem Krieg bei Schott verfügbare Technologie der Hafenschmelze ließ aber nur die Verwendung des Glases ZK 7 zu, das einen um etwa 30 % höheren thermischen Ausdehnungskoeffizienten hat. Eine Berechnung des thermischen Verhaltens des Spiegels mit einer Masse von über 2 Tonnen brachte interessante Ergebnisse. Durch die niedrige Wärmeleitfähigkeit des Glases würde es etwa 48 Stunden dauern, bis eine Temperaturdifferenz zur Umgebung ausgeglichen sein würde. Es kam also auf eine gute Dämpfung der Tag-Nacht-Schwankungen der Temperatur durch eine geeignete Gebäude- und Kuppelkonstruktion an. Die Spiegelscheibe würde sich verformen, wenn es eine Temperaturdifferenz zwischen Vorder- und Rückseite gibt.

Die Berechnung ergab, dass bereits eine Temperaturdifferenz von nur einem Grad die Abbildungsqualität merklich verschlechtern würde. Erfreulicherweise sah es dann in der Praxis besser aus. Systematische Untersuchungen zeigten, dass in gewissen Grenzen die Temperaturdifferenz eine proportionale Fokusverlagerung ergab, die korrigiert werden konnte.

Nicht weniger schwierige Aufgaben stellte die Gabelmontierung, die auf der einen Seite noch die Ablenkspiegel für den Coudé-Strahlengang aufnehmen musste. Um so richtig ein Gefühl dafür zu bekommen, um welche Dimensionen es bei der Konstruktion des Teleskops ging, hatte man an die Wand des Konstruktionsbüros mit Kreide den Gabelfuß in Originalgröße aufgezeichnet.

Das Teleskop würde eine bewegliche Masse von ca. 60 Tonnen haben, die mit der Genauigkeit einer astronomischen Uhr der scheinbaren Himmelsbewegung nachzuführen waren. Von dem 5-m-Teleskop war eine Öldrucklagerung bekannt, die sehr geringe Reibung hatte und große Lagerdrucke aufnehmen konnte. Trotz der Prinzipversuche war man doch vorsichtig und baute eine spezielle Hubeinrichtung ein, falls es zu Schwierigkeiten beim Probebetrieb kommen sollte. Es funktionierte aber alles zur vollen Zufriedenheit, sowohl beim ersten Versuch in der Werkhalle als auch in Tautenburg.

Ein weiteres Beispiel für den Erfindergeist von Alfred Jensch ist die Beobachtungsbühne. Ursprünglich war eine Art Brücke geplant, die mit der Kuppel verbunden sein sollte. Solche Beobachtungseinrichtungen waren bei Tageslicht noch brauchbar, in der totalen Dunkelheit bei der nächtliche Beobachtung gab es oft eine Katastrophe. Eine derartige Bühne in den USA hatte den Spitznamen "Großer Refraktor", weil sich mehrere Astronomen Knochenbrüche zugezogen hatten. Alfred Jensch entwarf das Tautenburger "Beobachtungshaus" mit Fahrstuhl und erfand dabei, unabhängig von anderen, den Wälzschraubtrieb, mit dem das Haus in Höhe verstellt wurde.

Es würde zu weit führen, das Tautenburger Teleskop mit all seinen Finessen zu erläutern. Der erfolgreiche Einsatz des Teleskops seit seiner Inbetriebnahme im Jahre 1960 spricht für sich. Über 8000 Schmidt-Aufnahmen und über 5000 Spektrogramme wurden (bis 1992) gewonnen und sind die Grundlage für zahllose Forschungsprogramme und Einzeluntersuchungen."

Allerdings ist bemerkenswert, dass Prof. Kienle seinerzeit noch Zweifel hatte, ob sich die gewählte Lösung bewähren würde. Als er jedoch in Tautenburg das neue Teleskop einer gründlichen Untersuchung unterzog, konnte er sich davon überzeugen, dass sein Vertrauen in die Betriebe Carl Zeiss Jena und Schott/Jenaer Glaswerk nicht enttäuscht worden war.

Die Leistungen von Alfred Jensch in dieser Zeit sind um so höher zu bewerten, als er ein Ingenieurfernstudium aufnahm, um sich weiter zu qualifizieren und um seiner Tätigkeit eine formelle Bestätigung geben zu lassen. Durch eine langwierige und wiederkehrende Augenerkrankung war es ihm jedoch nicht möglich, das Studium abzuschließen.

Die neuen 2-m-Teleskope

Das Tautenburger Teleskop nahm zuerst als Schmidt-Teleskop seinen Betrieb auf, für die Cassegrain- und Coudé-Systeme wurde noch an der Entwicklung der Spektrographen gearbeitet, die als Gitterspektrographen konzipiert waren. Bevor das Teleskop seine volle Bewährungsprobe im Observatorium abgelegt hatte, begannen Verhandlungen mit Astronomen aus der damaligen CSSR und UdSSR/ Aserbeidshan. Auf der Generalversammlung der Internationalen Astronomischen Union in Moskau 1958 hatte die Astroabteilung von Carl Zeiss Jena das Modell eines neuen 2-m-Teleskops vorgestellt. Auf Wunsch der Astronomen des Astronomischen Instituts der Akademie der Wissenschaften der CSSR war es wieder ein klassisches Cassegrain-Coudé-System mit einem F/4.5-Parabolspiegel. Eine schematische Darstellung in dem Zeiss-Katalog Astro 60 zeigt die Englische Montierung mit einem Gittertubus. Dieser scheinbare Rückschritt hatte zwei Gründe: Inzwischen gab es auf der Welt mehrere große Schmidt-Teleskope, die soviel Beobachtungsmaterial gesammelt hatten, dass man sich der individuellen Beobachtung von Einzelobjekten intensiver widmen konnte. Zum anderen fürchtete man eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit im Coudé-Fokus durch die vier Planablenkspiegel der Gabelmontierung, weshalb man der Englischen Montierung den Vorzug gab. Nach Beratungen in Moskau mit amerikanischen Astronomen kam sogar noch der Primärfokus hinzu, was die Gesamtkonzeption erschwerte.

Eine Englische Montierung hat für eine industrielle Fertigung den Vorteil, in einem weiten Polhöhenbereich ohne große Anpassungskonstruktionen einsetzbar zu sein. Alfred Jensch entwickelte demzufolge für die Englische Montierung eine Typenlösung von vier Größen, von denen später aber nur die ersten beiden Typen für den 400-mm-Doppelastrographen und das 1-m-Spiegelteleskop realisiert wurden.

Die Englische Montierung EM 4 zeigte sich jedoch etwas spröde in Bezug auf die höheren Ansprüche hinsichtlich des geforderten Automatisierungsgrades. Besonders die automatische Koordinatenvorwahl brachte Schwierigkeiten. Bei einer Gabelmontierung gab es keine Probleme wegen Fernrohrlage Ost oder West, für eine Englische Montierung hätte man Einschränkungen in der Benutzbarkeit in Kauf nehmen müssen. Eine Rechnersteuerung erschien seinerzeit als ein kostspieliger Luxus, Prozessrechner kannte man nur in der Form von Rechengetrieben oder mechanischen Modellen, von denen in der Astronomie die sogenannte Phantomsteuerung der Kuppelnachführung am bekanntesten ist.

Einen Ausweg aus diesem Dilemma brachte der Entwurf einer neuartigen parallaktischen Montierung, der sogenannten Stützmontierung, für die Alfred Jensch ein Patent erteilt wurde. Diese Montierung vereinigt in nahezu idealer Weise die Vorteile der Englischen und der Gabelmontierung unter Vermeidung der Nachteile beider Montierungen.

Die charakteristische Form der Anordnung des Gegengewichts der Stützmontierung weist auf das Prinzip der Lagerung der Stundenachse: Der Schwerpunkt des Teleskops liegt im Zentrum der Kugelzone der Öldrucklagerung. Die freie Beweglichkeit des Teleskops ließ nun mit vernünftigem Aufwand eine zuverlässige Automatisierung zu. Es sei noch vermerkt, dass die Zeit nicht reichte, ein Modell der Stützmontierung zu erproben. Im Interesse des wissenschaftlichen Fortschritts und den Fähigkeiten von Alfred Jensch vertrauend, wurde das Risiko übernommen, die Montierung in ihrer vollen Größe gleich in zwei Exemplaren zu bauen. Das Konstruktionsprinzip wurde lediglich mathematisch abgesichert, wobei die Gestaltung und Dimensionierung der Verbindung zwischen Teleskop und Fundament die höchste Aufmerksamkeit verlangte. Alfred Jensch gestand später, daß er ab und zu geträumt habe, die Montierung sei abgestürzt.

Inzwischen sind vier Stützmontierungen gebaut worden, für die 2-m-Teleskope Ondrejov, Schemacha, Roshen und Terskol, und das Konstruktionsprinzip hat sich voll bewährt.

Anfang der 70er Jahre wurden die Ritchey-Chretien-Systeme modern. Über vierzig Jahre war das Prinzip bekannt, bei dem man durch die Kombination zweier Hyperbolspiegel ein aplanatisches Cassegrain-System erhalten würde. Durch die Entwicklung des Offnersystems als Prüfmittel für die Fertigung des Hauptspiegels konnte man sich an die Herstellung von Hauptspiegeln wagen, die ein großes Öffnungsverhältnis hatten. Obwohl eine solche Konfiguration eher Vorteile für die geplanten Teleskope der 3- und 4-m-Klasse brachte, wegen der geringeren Tubuslänge und der entsprechenden Kuppelgröße, schien auch für ein 2-m-Teleskop das Ritchey-Chretien-System ein Fortschritt zu sein. So wurde auch in Jena der Schritt ins Neuland gewagt und eine neue Rohrmontierung entwickelt.

Die neue Teleskop-Anlage entstand unter komplizierten Arbeitsbedingungen und forderte von Alfred Jensch mehr und mehr organisatorische Fähigkeiten, die zahlreichen Kooperationspartner anzuleiten und zu koordinieren. Er beschäftigte sich intensiv mit der Konzeption und der Realisierung der modernen Teleskop-Steueranlage, die in einem ungarischen Betrieb entwickelt und gebaut werden sollte. Der Übergang von der analogen Steuerung mit Drehmeldern zur digitalen Steuerung mit völlig neuen elektronischen Bauelementen der 3. Generation wurde bestens gemeistert. Diese Steuerung wurde später für die 1-m-Teleskope und das 2-m-Teleskop Terskol zu einer Rechnersteuerung nach modernsten internationalen Stand weiterentwickelt.

Die Jensch-Coelostaten

Die Sonnenbeobachtung stellt andere Forderungen als die Sternbeobachtung. Da sehr viel mehr Licht zur Verfügung steht, spielt nicht mehr das Öffnungsverhältnis eine Rolle, es geht mehr um die hohe Auflösung, also um lange Brennweiten.

So gab es eine Vielzahl von Konstruktionen, mit denen über Spiegelsysteme das Licht in ein feststehendes Fernrohr gelenkt wurde. Der Vertikal-Coelostat von Zeiss im Einstein-Turm Potsdam bot dem Beobachter bereits eine Reihe von Vorteilen bei der Einstellung auf die Sonne zu unterschiedlichen Jahreszeiten, die Einstellung nach Koordinaten wie bei einer parallaktischen Montierung gelang erst mit dem Jensch-Coelostaten.

Die erste Variante mit 300-mm-Planspiegeln entstand in den 50er Jahren und eines dieser Geräte war auch in dem Observatorium Ondrejov eingesetzt, wo eine größere Abteilung für Sonnenphysik im Aufbau war . Neben dem 2-m-Teleskop für Sternphysik sollte eine leistungsfähige Sonnenbeobachtungsanlage entstehen. In Jena wurde die Konzeption eines Sonnenturmteleskops mit 1 Meter Öffnung erarbeitet, bei der Alfred Jensch wieder seine führende Hand zeigte. Er konnte in stärkerem Maße jüngere Mitarbeiter in die Entwicklungsarbeit einbeziehen, die einmal seine Nachfolge antreten sollten. Leider blieb es aus finanziellen Gründen bei einer Studie zu dieser Anlage.

Mehr Erfolg hatte dann das Programm zur Errichtung mehrerer Sonnenbeobachtungsstationen in der damaligen CSSR, das zur Entwicklung der Horizontalen Sonnenforschungsanlage führen sollte. Für den Coelostaten war das Konstruktionsprinzip zu entscheiden, wobei insbesondere die Effektivität der Beobachtungsarbeit für mitteleuropäische Klimabedingungen zu bedenken war.

Bei der Auswahl der Varianten, zu denen ursprünglich auch ein Polarcoelostat gehörte, zeigte sich wieder die Überlegenheit des Prinzips des Jensch-Coelostaten. Allerdings sollte der Coelostat mindestens 600 mm Planspiegel haben. Das war eine neue Aufgabe für Alfred Jensch, denn es war nicht möglich, einfach eine Vergrößerung des 300-mm-Coelostaten zu schaffen. Es mussten grundlegende Modifikationen, wie z.B. eine Umstellung auf eine Öldrucklagerung, vorgenommen werden, bei denen er aus seinem Erfahrungsschatz wertvolle Anregungen und Lösungsvorschläge geben konnte.

Die Entwicklung dieser Sonnenforschungsanlagen bildete den Abschluss der Tätigkeit von Alfred Jensch als Chefkonstrukteur in der Astroabteilung von Carl Zeiss Jena. Er trat 1977 seinen wohlverdienten Ruhestand an.

Während seiner Dienstzeit gab es für Alfred Jensch viele Anerkennungen und Auszeichnungen, auch für seine ehrenamtliche Tätigkeit in zahlreichen Gremien, wie z.B. im Vorstand der Urania-Volkssternwarte Jena. 1967 wurde er mit einem Kollektiv des Astrobereiches von Zeiss und Schott mit dem Nationalpreis ausgezeichnet. Eine besondere Ehrung wurde ihm anläßlich des 25jährigen Bestehens des Karl-Schwarzschild-Observatoriums am 18. Oktober 1985 in einem Festkolloquium in Tautenburg zuteil. Der Kleine Planet (3245), der in Tautenburg von F. Börngen und K. Kirsch entdeckt worden war, erhielt auf Vorschlag der Entdecker offiziell den Namen Jensch.

Die Namensgebung "Alfred-Jensch-Teleskop" für das 2-m-Universal-Spiegelteleskop in Tautenburg ist die Krönung des erfolgreichen Lebenswerks seines Urhebers, der den Astrogerätebau von Carl Zeiss Jena nachhaltig geprägt hat. Sein Vorbild, auch als Kollege und Freund, wird weiter wirken.


Zu dem Artikel von H.G. Beck gibt es eine Bemerkung von Alfred Jensch bezüglich die Entdeckung von CY Aquarii. Diese ist inbesondere deshalb nötig, weil in der Literatur generell C. Hoffmeister als Entdecker angegeben ist.

Persönliche Bemerkung:

In dem oben wiedergegebenen Artikel aus "Die Sterne" steht ganz am Anfang der Satz:Ein Astronom, als Entdecker des RR Lyrae Sternes CY Aquarii mit der kürzesten Periode?
Herr Beck - ein Fachastronom - hat sicher nicht daran gedacht, dass er eigentlich hätte schreiben müssen: als Entdecker der kürzesten Periode eines veränderlichen Sternes, des CY Aquarii.
Worin liegt die Feinheit?
Der Entdecker des Sternes CY Aquarii ist C. Hoffmeister. Er hat auf Fotoplatten im Laufe der Jahre Hunderte von Sternen gefunden, die in ihrer Helligkeit schwankten. Sie bekamen alle vorläufige Bezeichnungen, um sie als Veränderliche registrieren zu können. In diesem Fall "391.1934 Aquarii". Später wird diese vorläufige durch die endgültige Bezeichnung - in diesem Falle "CY Aquarii" - ersetzt, sobald durch weitere Beobachtungen die Periode des Lichtwechsels, die Lichtkurve (und damit die Klassifikation), die Amplitude und die Ausgangsepoche ermittelt wurden.
Nur dieser 2. Teil der Entdeckungsgeschichte des Veränderlichen ist mein Verdienst. Wenn sich mein ehemaliger Chef Dr. Hoffmeister, nachdem ich ihm über mein Ergebnis - die 88 Min. Periode - berichtet hatte, zu eigenen Beobachtungen entschloss, was er sonst nie tat, so ist das als ein Zeichen dafür zu werten, wie hoch er die Bedeutung dieser kürzesten Periode ein schätzte.
Der dargestellte Sachverhalt geht auch aus den Veröffentlichungen des Jahres 1934 in den Astronomischen Nachrichten klar hervor (Astron. Nachr. 253, 91).

Jena, am 15.02.2001         gez. Alfred Jensch