Regeln zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis an der Thüringer Landessternwarte Tautenburg


1 Vorbemerkung

Nach spektakulären Fällen von Fehlverhalten in der deutschen Wissenschaftslandschaft Ende der 90er Jahre hat eine Kommission "Selbstkontrolle in der Wissenschaft" der Deutschen Forschungsgemeinschaft Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis erarbeitet. Es gilt, sich die Normen guter wissenschaftlicher Praxis bewußt zu machen und sie im täglichen Handeln als Wissenschaftler anzuwenden. Die hier aufgeführten Grundregeln guter wissenschaftlicher Praxis an der Thüringer Landessternwarte Tautenburg greifen diese Empfehlungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft vom Januar 1998 auf. Sie folgen deren Umsetzung an den deutschen Universitäten und dem Beschluß des Senats der Max-Planck-Gesellschaft vom November 2000. Sie sind für alle in der Forschungsarbeit an der Thüringer Landessternwarte Tautenburg Tätigen verbindlich. Hierunter zählen auch über Drittmittel angestellte Personen.

Die folgenden Status- und Funktionsbezeichnungen gelten jeweils in männlicher und weiblicher Form.

2 Allgemeine Prinzipien wissenschaftlicher Arbeit

Gute wissenschaftliche Praxis zeichnet sich aus durch Zweifel und Selbstkritik, durch kritische Auseinandersetzung mit den erzielten Erkenntnissen und deren Kontrolle, durch Redlichkeit gegenüber den Beiträgen von Mitarbeitern, Konkurrenten und Vorgängern. Qualitätssicherung ist ein wichtiges Wesensmerkmal wissenschaftlicher Professionalität. In wissenschaftlichen Arbeitsgruppen wird sie gewährleistet durch kritische Zusammenarbeit und klare Verantwortungsstrukturen.

3 Zusammenarbeit und Leitungsverantwortung in Arbeitsgruppen

Der Direktor des Instituts trägt die Verantwortung für eine angemessene Organisation des Wissenschaftsbetriebes. Sie sichert zu, daß in Arbeitsgruppen die Aufgaben der Leitung, Aufsicht, Konfliktregelung und Qualitätssicherung eindeutig zugewiesen sind und wahrgenommen werden können.

Bei der Präsentation von wissenschaftlichen Ergebnissen, welche aus der Arbeit einer Gruppe resultieren, tragen die Leiter der Arbeitsgruppe Verantwortung für die Nennung der Mitarbeiter der Gruppe im Einklang mit ihrem hierfür geleisteten Beitrag. Zu den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis gehört, daß die Weitergabe von in einer Arbeitsgruppe entwickelten Methoden und erzielten Ergebnissen nur mit Genehmigung des Leiters der Gruppe gestattet ist.

4 Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses

Der Ausbildung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und seiner Anleitung zur Berücksichtigung der Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis gilt besondere Aufmerksamkeit. Der Direktor des Instituts gewährleistet, daß für den wissenschaftlichen Nachwuchs (Diplomanden und Doktoranden) und jüngere Postdocs eine angemessene wissenschaftliche Betreuung sichergestellt ist.

Der Leiter einer Arbeitsgruppe hat sich in besonderem Maße wissenschaftlich vorbildlich zu verhalten.

5 Sicherung und Aufbewahrung von Primärdaten

Primärdaten als Grundlagen für Publikationen müssen auf haltbaren und gesicherten Trägern aufbewahrt werden. Primärdaten in der astronomischen Forschung an der Thüringer Landessternwarte sind vornehmlich Beobachtungsdaten, die in Form von elektronisch lesbaren Datenfiles vorliegen. Der Direktor des Instituts schafft die Rahmenbedingungen dafür, daß Kopien aller solcher Original-Daten, die insbesondere mit dem institutseigenen Tautenburger 2-m-Teleskop gewonnen wurden, für mindestens zehn Jahre an einem geeigneten Ort im Institut sicher aufbewahrt werden. In berechtigten Fällen muß der Zugang zu diesen Daten gewährleistet sein.

Die näheren Einzelheiten, wie die technische Umsetzung, die Datenrechte, die Zugriffsmöglichkeiten auf die Daten und die Zuständigkeiten, werden vom Direktor der Thüringer Landessternwarte geregelt, schriftlich fixiert und allen wissenschaftlichen Mitarbeitern kenntlich gemacht.

6 Wissenschaftliche Veröffentlichungen

Astronomische Veröffentlichungen sind in zunehmendem Maße geprägt von größeren Autorenschaften. Die Autoren wissenschaftlicher Veröffentlichungen sind gemeinsam verantwortlich für deren Inhalte. Ehrenautorschaften sind ausgeschlossen. Zuarbeiten kleineren Ausmaßes sind in Danksagungen aufzuführen. Diese Regeln gelten in gleichem Maße für Anträge auf Beobachtungszeiten an nationalen und internationalen Observatorien und für Förderanträge.

7 Qualität hat Vorrang vor Quantität

Die an der Thüringer Landessternwarte arbeitenden Wissenschaftler sind aufgerufen, ihre wissenschaftlichen Resultate nach Möglichkeit in den angesehensten internationalen Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Hierbei gilt jedoch das Prinzip, daß wissenschaftliche Originalität und Qualität Vorrang hat vor Quantität. Dieses Prinzip gilt u.a. auch bei
  • der Zuerkennung finanzieller Unterstützungen für die Forschung,
  • Prüfungen von Auszubildenden,
  • Entscheidungen über die Einstellung von wissenschaftlichem Personal,
  • der Erstellung von Fachgutachten jeglicher Art.

8 Wissenschaftliches Fehlverhalten

Wissenschaftliches Fehlverhalten liegt vor, wenn bewußt gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis verstoßen wird. In Übereinstimmung mit den Empfehlungen der DFG und den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis an anderen Instituten, Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland kommen als Fehlverhalten insbesondere in Betracht:
  • das Erfinden oder Verfälschen von experimentellen (Beobachtungs-) Daten,
  • die gewollt fälschliche Angabe von wissenschaftlichen Fakten in einem Bewerbungsschreiben oder einem Förderantrag,
  • die Verletzung geistigen Eigentums,
  • die Sabotage der Forschungstätigkeit anderer,
  • das Verleumden der wissenschaftlichen Fähigkeiten von Fachkollegen zum eigenen Vorteil,
  • die Inanspruchnahme der (Mit-)Autorenschaft eines anderen ohne dessen Einverständnis,
  • das zweckentfremdete Verwenden von Haushalts- und Fördergeldern.

9 Vertrauensperson

Als Ansprechpartner für die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Thüringer Landessternwarte wird eine unabhängige Vertrauensperson eingesetzt. Als solche fungiert eine Persönlichkeit, die über große Erfahrungen im Wissenschaftsbereich verfügt. Die Amtszeit der Vertrauensperson ist auf drei Jahre begrenzt. Eine einmalige Verlängerung ihrer Amtszeit ist möglich.

Die Vertrauensperson wird dem wissenschaftlichen Personal vom Direktor vorgeschlagen. Sie gilt als bestätigt, wenn sie vom an der Thüringer Landessternwarte Tautenburg beschäftigten wissenschaftlichen Personal in geheimer Abstimmung gewählt wurde.

Der Vertrauensperson gegenüber können von den Mitarbeitern der Thüringer Landessternwarte Vorwürfe wissenschaftlichen Fehlverhaltens vorgebracht werden. Die Vertrauensperson informiert und berät den Direktor in Fragen, wenn ein vermutetes wissenschaftliches Fehlverhalten vorliegt. Sie prüft die Vorwürfe auf Konkretheit und Bedeutung, auf mögliche Motive und im Hinblick auf Möglichkeiten der Ausräumung der Vorwürfe.

Die Vertrauensperson ist verpflichtet, Befangenheit offenzulegen. In einem solchen Fall wird vom Direktor eine unabhängige stellvertretende Vertrauensperson eingesetzt.

10 Verfahren bei wissenschaftlichem Fehlverhalten

Liegt wissenschaftliches Fehlverhalten vor, so entscheidet der Direktor im Einvernehmen mit der Vertrauensperson und der übergeordneten Behörde über die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Der Direktor schafft die Rahmenbedingungen dafür, daß ein Verfahren der Untersuchung möglichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens in enger Zusammenarbeit mit der für solche Fälle zuständigen Kommission an der Friedrich-Schiller-Universität Jena erfolgen kann. In diesem Sinne gilt an der Thüringer Landessternwarte dieselbe Verfahrensordnung wie sie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena implementiert ist.


Diese Regeln der Thüringer Landessternwarte treten mit ihrer Veröffentlichung am 1. Oktober 2002 in Kraft.


Artie P. Hatzes

Direktor